Wenn sich die Erde plötzlich schneller dreht

Atomic Wave series. Design composed of lights, orbits , waves and fractal elements as a metaphor on the subject of science, theoretical physics, technology and education

Tage, Wochen, Monate und Jahre – in unserem Zeitalter spielt die Zeit eine ganz besondere Rolle. In der modernen Welt ist unser Leben streng getaktet. Im Wesentlichen basiert die Zeitrechnung auf dem Ablauf der Jahreszeiten und dem Wechsel von Tag und Nacht. Diese menschengemachte Einteilung wiederum folgt dem Lauf der Erde, der Drehung um die eigene Achse und dem Umkreisen der Sonne. Was, wenn die Erde sich aber nun plötzlich nicht mehr an diese Zeiten hält und mal schneller wird? So geschehen zuletzt am 29. Juni des Jahres 2022.

View of the planet Earth from space during a sunrise/ Adobe Stock

Vorgesehen ist, dass ein Tag 24 Stunden dauert. Während dieser Zeit dreht sich die Erde um ihre eigene Achse und um die Sonne. Diese Drehungen haben ein Muster und somit hat die Erde nach 24 Stunden Drehung um die eigene Achse, die gleiche Stellung zur Sonne wie am Ausgangspunkt. Das es 24 Stunden sind ist eine menschengemachte Einteilung, die auf die Zeit der Babylonier zurückgeht. In deren Zahlensystem waren die Zahlen 6, 24 und 60 von besonderer Bedeutung und damit Grundlage für die heutige Zeitrechnung.

Ein kleines Schmankerl für die Detailverliebten unter uns: Es geht hierbei um die Ausrichtung zur Sonne. Die Dauer einer Drehung der Erde um die eigene Achse bis zum Ausgangspunkt dauert nur 23 Stunden und 56 Sekunden. Die Berechnung einer Tagesdauer erfolgt also nicht nur unter Berücksichtigung der Drehung um die eigene Achse, sondern auch noch den Weg, den die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne zurücklegt inklusive der Drehung der Achse Nord/Südpol.

Earth’s season. Illumination of the earth during various seasons. The Earth’s movement around the Sun. Top position: vernal equinox. Bottom: autumnal equinox. Left: summer solstice. Right: winter solstice./ Adobe Stock

Am 29. Juni dieses Jahres stellten die Atomuhren fest, dass der Tag jedoch 1,59 Millisekunden kürzer war. Am 26. Juli waren es 1,5 Millisekunden. Wer des englischen mächtig, kann sich auf der Seite timeanddate.com einen Beitrag aus dem Jahre 2020 anschauen. Denn die Tatsache, dass die Erde an Fahrt aufnimmt, ist kein neues Phänomen. Über einen längeren Zeitraum betrachtet, wird die Erdrotation jedoch langsamer. Diese einzelnen Ausbrüche sind also kein neuer Trend – noch nicht.

Doch was passiert, wenn die Erde plötzlich schneller wird?

Zunächst drängt sich einem die Frage auf, warum sich die Erde eigentlich um die eigene Achse dreht. Warum die Planeten um die Sonne kreisen, ist aus der Entstehung des Systems zu erklären. Staub und reichlich anderes Gelump zogen sich durch Schwerkraft an, begannen sich im Kreis zu drehen, wurden immer mehr in Richtung Mittelpunkt gezogen – es entstand die Sonne und drumherum die Planeten.

Colorful solar system with nine planets which orbit sun. Galaxy discovery and exploration. Realistic planetary system in deep space vector illustration. Astronomy and astrophysics science poster. Adobe Stock

Die Rotation der Erde ist wohl in der Tat auf die Kollision mit einem anderen Planeten zurückzuführen, der dabei den späteren Mond aus dem noch jungen Planeten Erde herausschleuderte und die Erde in eine schnelle Rotation versetzte. Damals dauerte der Tag gerade einmal sechs Stunden. Der Mond war der Erde zu diesem Zeitpunkt wesentlich näher. Auf den Zeitrahmen von 24 Stunden sind wir inzwischen gekommen, weil der Mond durch seine Anziehung bekanntlich Ebbe und Flut bewirkt – also riesige Wassermassen bewegt. Haben sie schon einmal eine breite, aber nicht tiefe Schüssel, randvoll mit Wasser getragen und sind dabei leicht ins seitliche Wanken geraten – nun sie wissen welche Kräfte hier wirken, bzw. haben eine Vorstellung davon was Ebbe und Flut für Kräfte entwickeln. Im Laufe der Millionen Jahre, die unsere Erde nun schon auf dem Buckel hat, hat das die Rotation immer wieder ein wenig verlangsamt und der Mond hat sich immer mehr von der Erde entfernt.

Was nun genau dazu führt, dass sich die Erde an manchen Tagen schneller dreht, ist noch nicht ganz klar. Klar ist, dass die Geschwindigkeit der Rotation ähnlich wie bei einem Eiskunstläufer mit dem Abstand der Massen zum Zentrum zunimmt oder abnimmt. Zieht der Eiskunstläufer bei einer Pirouette die Arme in Richtung Zentrum wird er schneller. Würde er sie wieder ausbreiten, würde er langsamer werden. Dieses Prinzip kann im Groben auch auf die Erde angewandt werden. Die „Arme“ der Erde sind zum einen die Gezeiten – also Ebbe und Flut, durch den Mond ausgelöst, die großen Ströme der Ozeane und das Wandern von Landmassen. Es könne aber auch Prozesse im inneren der Erde sein. Manche Wissenschaftler sprechen von Kopplungsmechanismen, die unter Umständen verantwortlich sein könnten.

Nennenswerte Auswirkungen hat die Raserei der Erde nicht. Würde sie dauerhaft das Gaspedal durchtreten, müsste anstatt dem Zufügen einer Sekunde (wie bereits schon mehrfach geschehen) eine Sekunde unserer Zeit abgezogen werden.

Sollte sich ein Trend abzeichnen, wäre höchstwahrscheinlich nicht die beschleunigte Rotation der Erde das Problem, sondern das, was die Beschleunigung ausgelöst hat und vorantreibt – und das bleibt spannend!