„KnoffHoff“ – Stress, der stille Feind in unserem Körper

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Stress ist – wenn man so will – eine steinzeitliche Antwort unseres Körpers auf Gefahr. Die Aufmerksamkeit wird gesteigert, Energiereserven aktiviert und die wichtigsten Organe besser durchblutet, um den Körper in eine maximale Abwehrreaktion versetzen zu können. Ausgelöst wird diese Reaktion fast ausschließlich im Unterbewusstsein. Der Körper besitzt eine „natürliche“ Aufmerksamkeit für „Gefahr“ und aktiviert sich dann mehr oder weniger von selbst. Ist die Reaktion „Stress“ ausgelöst, können wir allerdings aktiv auf das Abschalten einwirken. Aber schauen wir uns zunächst die Reaktion „Stress“ einmal genauer an.

Im Einzelnen werden zwei Regelkreise aktiviert:

1.            In einer klassischen Stresssituation wie Angst, Schreck o.ä. wird zunächst der Regelkreis des vegetativen Nervensystems, genauer der Sympathikus aktiviert. Es erfolgt eine Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin über die Nebennierenrinde bzw. Nebennierenmark. Diese bewirken eine Verengung der Blutgefäße im Magen- Darmtrakt (Minderdurchblutung), eine Beschleunigung des Herzschlages und eine Erweiterung der Gefäße in den Muskeln. Alles ist darauf ausgerichtet kurzfristig ein Maximum an Energie für Aufmerksamkeit und Kraft zu mobilisieren. Das bedeutet auch, das die für die Bewegung relevanten Muskeln in eine Art erhöhte Alarmbereitschaft versetzt werden, indem sie mehr angespannt werden, als das normalweise der Fall ist, d.h. der Muskeltonus erhöht sich. Das Gehirn beschränkt sich auf definierte Handlungsmuster (Reflexe) und schaltet überflüssige Denkvorgänge ab. In der Regel handelt es sich um eine kurzfristige Reaktion, die ohne erneute Reize schnell abklingt.

2.            Der Regelkreis, der über den Hypothalamus nach einigen Minuten aktiviert wird, leitet Signale über die Ausschüttung von Hormonen über die Hypophyse und die Nebennierenrinde weiter. Dieser Regelkreis ist für die Bereitstellung von Energiereserven zuständig. Die Nebennierenrinde produziert das zu den Glukokortikoiden gehörende Cortisol. Glukokortikoide machen Glukose als Energielieferant verfügbar. Ein hoher Cortisolspiegel bewirkt dabei eine Anregung des Kohlenhydrat- und Aminosäurestoffwechsel, Muskelproteine werden abgebaut und in der Leber zu Glukose umgebaut.

Stress response. Activation of the stress system. Stress is a main cause of high levels of adrenaline and cortisol secretion. hormones that produced by the medulla, and cortex of adrenal.

Es dauert je nach Ausmaß des Erregungszustandes eine Weile bis sich Hormonlevel und Durchblutung wieder auf einem normalen Niveau befinden. Kommt es zu einer Dauererregung oder einer Vielzahl hintereinander folgender kleinerer Reize spielt das in der Nebennierenrinde produzierte Cortisol eine wichtige Rolle, denn es kommt nun zu den ersten Langzeitschäden:

•             Infektanfälligkeit

•             Schlafstörungen

•             Konzentrationsstörungen

•             Spannungskopfschmerz

Nach neurowissenschaftlichen Erkenntnissen können Stress auslösende Momente auch ohne deren bewusste Wahrnehmung auftreten. Untersuchungen haben gezeigt, dass die unbewusste Wahrnehmung im Gehirn wesentlich schneller arbeitet, als die bewusste Wahrnehmung und somit der Regelkreis „Stress“ wesentlicher öfter aktiviert wird, auch ohne, dass wir uns gestresst fühlen oder uns „aufregen“. Stress bedeutet immer ein innerer Alarmzustand für den Körper. Dieser kann mal mehr oder weniger stark ausgeprägt, also für uns mehr oder weniger bis gar nicht wahrnehmbar sein. Es ist also der Zeitfaktor, der eine erhebliche, wenn nicht sogar die bedeutende Rolle spielt.

Neue Erkenntnisse der Neuro-Gastroenterologen decken ganz verblüffende Zusammenhänge auf: Unser gesamter Magen-Darm-Bereich ist von einem dichten Geflecht an Nervenzellen und –strängen, das über 100 Millionen Nervenzellen umfasst, umgeben. Wissenschaftler bezeichnen es als „enterisches Nervensystem“ – manche bezeichnen es als unser „Bauchhirn“. Das „enterische“ Nervensystem besteht aus einem Geflecht von Nerven, die sich in der Wand des Darms befinden und mit den Nerven in unserem Gehirn identisch sind. Die Aufgabe dieser Nervenfasern besteht im Wesentlichen in der autonomen Steuerung der Darmtätigkeit und der Steuerung der Sekretion, also Produktion, verschiedener Enzyme. Es wird also nicht oder nur kaum vom zentralen oder vegetativen Nervensystem gesteuert. Das bedeutet es entzieht sich der Einflussnahme durch den Sympathikus. Wenn das “enterische“ Nervensystem gestört ist, das Bauchhirn also sozusagen „die Nerven verliert“, dann meldet es beispielsweise bei ganz normalem Speisetransport und Füllungszustand bereits eine Überdehnung und damit Schmerzen zurück ans Gehirn. Dieser Vorgang erklärt eine Vielzahl der typischen Reizdarm-Symptome. Da das „Bauchhirn“ in seinem Aufbau und Funktion unserem Gehirn gleicht, kann man ihm auch „Lernfähigkeit“ unterstellen. Wenn es nun durch ständig wiederkehrende Reize zu einer Stressreaktion und einer dadurch bedingten Minderdurchblutung kommt wird die Darmfunktion, also die Verdauung, gestört. Das enterische System ist nun darauf trainiert, bei Verdauungsstörungen autonom zu reagieren. Bei einer übermäßigen Besiedelung mit Keimen oder anderen schädlichen Stoffe reagiert es beispielsweise mit einer beschleunigten Darmentleerung. Die Minderdurchblutung betrifft nicht nur die Darmzellen, sondern auch die Nervenzellen, welche, um ihre Aufgabe zu erfüllen, mit Blut und hierdurch mit lebenswichtigen Nährstoffen versorgt werden müssen. Werden die Nerven des enterischen Nervensystems also minderdurchblutet, scheint es logisch, dass sie keine Reize mehr wahrnehmen oder weiterleiten können. Dadurch würde die von ihnen gesteuerte Peristaltik (Transport des Speisebreis) erliegen. Hierdurch wäre ebenfalls die Verdauung in erheblichen Maßen gestört. Diese Wechselwirkung würde den raschen Wechsel von Durchfall und Krämpfen zu Verstopfung und Blähungen erklären.